El Salvador ernennt Bitcoin zur Landeswährung

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El Salvador wagt als erstes Land der Welt, den Bitcoin als nationale Landeswährung zu akzeptieren. Damit reagiert Präsident Bukele auf die Finanzprobleme seines Landes und verfolgt die Unabhängigkeit von fremden Fiat Währungen. Chance oder Risiko? Wir haben es analysiert.

Frisch gewagt ist halb gewonnen – so lautete eine der vielen steilen These renommierter Krypto-Finanzexperten, als sie diese Nachricht lasen: Als erstes Land der Welt hat der zentralamerikanische Staat El Salvador den Bitcoin als Landeswährung eingeführt. Seit September 2021 können alle Einwohner nun Überweisungen und Transaktionen mit dem BTC tätigen – möglich macht dies eine spezielle App. Könnte das Modell dabei sogar Vorbild für andere Länder sein? Oder ist es nur die Bankrotterklärung einer gescheiterten Finanzpolitik? Wir haben es gecheckt.

Die Fakten: Bitcoin als Landeswährung in El Salvador

Mit großem Tamtam wurde die Einführung des BTC in dem gerade einmal 6,4 Millionen Einwohner-Staat El Salvador zelebriert. Leuchtraketen und Feuerwerke erhellten die Bühne, auf der Staatspräsident Nayib Bukele der tobenden Menge sein Smartphone entgegenhielt. „Wie geht es dem Bitcoin? Gut? Mögt ihr unser Land?“, fragte Bukele in die Menge. Es war die Abschlussveranstaltung einer internationalen Bitcoinkonferenz, die passend in El Salvador stattfinden konnte und auf der die Einführung als Landeswährung schließlich zementiert wurde. Internationale Bitcoinexperten feiern Nayib Bukele, gerade einmal 40 Jahre alt, seither als den Krypto-Pionier des 21. Jahrhunderts. Doch wie kam es überhaupt dazu?

Der vergleichsweise junge Präsident Bukele ist gelernter Unternehmer und regiert das Land El Salvador seit seiner Wahl Anfang 2019 quasi im Alleingang. Was er dabei jedoch in Punkto Finanzwesen vorfand, war für den Wirtschaftsfachmann ein fulminantes Desaster: Der bisher übliche Colón hatte als Zahlungsmittel durch anhaltende Armutswellen und Korruptionen einen absoluten Tiefstand erreicht. 70 Prozent der Bevölkerung hatte dabei nicht einmal ein Bankkonto.

Inoffiziell, doch durchaus üblich, war dagegen der US-Dollar als Währung bei der Bevölkerung in Gebrauch, da die Einwohner von El Salvador ihren Hausbanken seit dem Börsencrash schon lange nicht mehr vertrauten. Das brachte Bukele in eine ernste Zwickmühle: Sollte man sich weiterhin von den US-amerikanischen Banken abhängig machen lassen oder doch lieber einen eigenen Weg gehen, um die heimische Wirtschaft anzukurbeln? Die Einführung einer ganz neuen Währung war dabei jedoch keine Alternative, da der Staatshaushalt ebenfalls am Boden lag. Also musste eine „unorthodoxe“ Lösung her: Die Kryptowährung Bitcoin.

Der Bitcoin als Chance

Im Juni 2021 verabschiedete das Parlament schließlich das Bitcoin-Gesetz nach langer Beratschlagung. Internationale Krypto-Experten wie Jeff Gallas, Gründer des Berliner Start-ups Fulmo, verfolgten die Entwicklung seither als „äußerst spannend“. Gallas ist zudem bereits im November mit einer deutschen Delegation nach El Salvador gereist, um sich das Modell einmal genauer vor Ort anzuschauen. Und egal ob Erdnüsse auf dem Markt, Bier in einer Bar oder Klimageräte vom Großhändler: Alles soll mit Bitcoin in Zukunft bezahlbar sein!

Doch wie funktioniert eigentlich der BTC in einem kleinen amerikanischen Land ohne große wirtschaftliche Belange? Zunächst müssen sich die Bürger die staatliche Chivo-App herunterladen und dann eine BTC-Wallet erstellen. Diese fungiert dabei schließlich wie ein Bankkonto, mit dem Unterschied, dass sie an das ganz normale Bitcoin-Netzwerk angeschlossen ist und alle weltweiten Transaktionen von El Salvador damit auch über die gleiche Blockchain wie bei deutschen BTC-Usern abgewickelt werden können.

Der Grund ist simpel: Durch die effizientere Zahlungsstruktur und den Wegfall von Banknoten und Münzen ist es im Interesse des Staates, weil unter dem Strich auch mehr Geld im Staatshaushalt ankommt. Ein weiterer Faktor: Viele betuchte El Salvador-Staatsbürger haben das Land bereits verlassen und leben in den USA oder Kanada. Durch den Bitcoin könnten sie jetzt ihre Familien und Freunde im Land wieder besser unterstützen – auch dieses Geld landet dann am Ende natürlich in den Staatskassen!

Um die Akzeptanz noch zu erhöhen, wurden jetzt überall in dem kleinen Land blaue Chivo-Automaten aufgestellt – streng bewacht von Polizei und Militär. Quasi jeder Briefkasten soll demnächst Bitcoin akzeptieren können. Hierbei sollen die Einwohner digitales Guthaben kaufen und ihre Dollar, die sie ja eigentlich gar nicht besitzen sollten, endlich gegen den BTC eintauschen. Durch das Modell von El Salvador überlegen bereits weitere Staaten wie Paraguay und Venezuela, ob sie den Bitcoin nicht ebenfalls als Landeswährung einführen sollen. Die Entwicklung bleibt also tatsächlich spannend zu beobachten.

Der Bitcoin als Risiko

Doch es gibt auch viele kritische Stimmen. Einige richten sich dabei direkt gegen den Staatspräsidenten. Denn obwohl Nayib Bukele Umfragen zufolge bei mehr als 80 Prozent der Bevölkerung starken Rückhalt genießt, werfen internationale Demokratieinstitute dem Staatspräsidenten von El Salvador einen „autoritären Regierungsstil ohne Rücksicht auf Verluste“ vor. Auch nach der Ankündigung des neuen Bitcoin-Gesetzes gingen in El Salvador deshalb einige Menschen auf die Straße, weil sie um die weitere Entwertung ihres hart verdienten Geldes fürchteten.

Die Paradoxie dabei: Anders als staatliche Währungen wollen Kryptos wie der Bitcoin dezentral und damit unabhängig von Staaten und Banken sein. Viele Bitcoinfreunde misstrauen nämlich den Zentralbanken und glauben, dass sie indirekt die Geldentwertung weltweit verursachen. Damit Buchungen ohne zentrale Kontrollinstanz trotzdem durchführbar sind, werden die Datensätze hinter den Transaktionen durch eine dezentrale Blockchain abgewickelt. Wenn jetzt aber ein Land wie El Salvador wieder den BTC als „Landeswährung“ einführt – und dies auch für seine Staatsbanken macht – ist die Grundidee des Bitcoins eigentlich torpediert.

Folgen andere Länder dann diesem Beispiel, könnte man durchaus nicht mehr von einer „dezentralen Währung“ sprechen! Eine Lawine könnte losbrechen. Zudem sind auch Kursschwankungen, die es beim BTC unbestreitbar gibt, nicht wirklich abgesichert. Damit droht Ländern mit dem BTC als Staatswährung wieder das alte Schicksal: Die Entwertung ihrer Landeswährung und entsprechend herbe Verluste! Auch ein weiterer Punkt könnte sich noch als Problem für El Salvador erweisen: Viele Transaktionen werden dort noch gar nicht via Bankkonto gelöst. Es gilt dort wortwörtlich ein Spruch, den man auch in Deutschland noch gut kennt: „Nur bares, ist wahres“. Diese Haltung könnte sich dabei zum Problem für die Regierung erweisen, denn so fließt trotz BTC-Einführung noch sehr viel Geld „unter dem Radar“.

Fazit: Die Zukunft wird es zeigen

Eine abschließende Bewertung – ob El Salvador mit der Entscheidung den Bitcoin als Landeswährung eingeführt zu haben richtig lag – lässt sich Stand April 2022 noch gar nicht geben. Es lassen sich jedoch, wie die obigen beiden Abschnitte aufgezeigt haben, sehr viele positive, aber auch einige negative Aspekte anführen. Um im internationalen Wirtschaftsmarkt nicht abgehangen zu werden, hat die BTC-Einführung sicherlich für schlagartige Besserung im Land gesorgt. Auch das mediale Echo und die Prominenz von Nayib Bukele in der digitalen Welt sind ein starkes Faustpfand für die Zukunft von El Salvador.

Allerdings werden sich größere Staaten, zu denen man sicher auch viele EU-Länder zählen kann, den weiteren Verlauf dieser Geschichte ganz genau anschauen. Eine Einführung als Landeswährung bleibt deshalb hierzulande eher fragwürdig und in weiter Ferne. Auch Finanzexperten weltweit warnen noch vor dem volatilen Risiko der Kryptowährung Bitcoin. Und die Einwohner von El Salvador werden damit automatisch zu Spekulanten – sollten sie mit der Währung auch etwas beiseiteschaffen wollen. Zusammenfassend sind wir jedoch sicher, dass wir auch in Zukunft noch einiges vom neuen Kryptoland El Salvador hören werden. Wir hoffen, dass der Mut in diesem Falle belohnt wird.